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MICHAEL KLEEBERG - Karlmann

MICHAEL KLEEBERG - DAS TIER DAS WEINT.
     LIBANESISCHES REISETAGEBUCH





LESEPROBE 
LESEPROBE 

Michael Kleeberg - Karlmann. Das Interview mit Michael Kleeberg führte Michael Norath, August 2007

Sie haben mit Karlmann eine Figur in den Mittelpunkt Ihres Romans gestellt, der ziemlich genau Ihr Alter hat. Welche Rolle spielt es, dass der Autor gewisse generationstypische Erfahrungen mit seiner Figur teilt?
Das spielt in allererster Linie eine praktische Rolle und hat praktische Gründe:
Es gab im Gegensatz zu den vorhergehenden Romanen nichts zu recherchieren, da ich die praktischen Rahmendinge aus eigener Erfahrung kenne. Als ich im König von Korsika eine Szene schreiben wollte, in der in einer Herrenrunde geraucht wird, mußte ich erst einmal nachforschen, was es in Europa 1736 eigentlich zu rauchen gab. Wie ich dann herausfand seit kürzester Zeit nicht mehr nur Pfeifen, sondern auch Zigarren. Dergleichen ist nicht nötig, wenn man sich im eigenen Erlebens- und Erfahrensraum bewegt. Außerdem hat man die instinktive Sicherheit, um – wie Thomas Mann das nannte: - dem Zeitalter zur Sprache zu verhelfen, indem man über sich spricht.

Würden Sie Karlmann „Charly“ Renn als Ihr Alter ego bezeichnen?
Im Gegenteil: Keine einzige meiner Romanfiguren bislang war so weit von mir entfernt wie er. Der autobiografischste meiner Helden, der, der am meisten von mir hatte, ist Theodor Neuhoff gewesen, der König von Korsika. Charly ist anders sozialisiert als ich, hat andere Interessen, denkt anders, lebt anders. Er ist ein Patchwork aus Erfundenem, Beobachtetem, Gesehenem, eine Mischung aus mehreren Menschen, die ich gekannt habe oder kenne – nur der Motor, um es in seiner Metaphorik zu sagen, ist von mir. Diese Entfernung hat den großen Vorteil gehabt, daß ich ihn und sein Umfeld mit weniger Befangenheit denn je analysieren, beobachten und schildern konnte. Es gewährt eine unglaubliche Freiheit beim Schreiben, mit solch einer „fremden“ Figur agieren zu können.  

Karlmann ist ein junger Mann aus der Mitte der Gesellschaft. Er ist ein Jedermann, weder besonders begabt, noch besonders sympathisch. Er ist weder Künstler, noch Abenteurer, noch sonst eine herausragende Gestalt. Was interessiert Sie daran, vom Alltäglichen zu erzählen?
Der Alltag ist – bei uns und in dieser Zeit wohlgemerkt – das Leben selbst. Zugleich ist er terra incognita. Es gibt unzählige Bücher über Menschen in Extremsituationen, aber sehr wenige, die sich auf das einlassen, was zwischen den dramatischen Höhepunkten liegt: also etwa 90% der Lebenszeit. Es ist seit jeher ein Traum der Schriftsteller, ...
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LESEPROBE

MICHAEL KLEEBERG - Karlmann


Es gibt, wenn du den Weg durch die Stadt hinaus nimmst und nicht in Stellingen auf die Autobahn fährst, emotionale Wegmarken, die die Strecke strukturieren und die dich in diese besondere Autofahrerstimmung versetzen, während der motorische Apparat sich ums Fahren kümmert und im gelassenen Stolz, die Stadt lesen zu können, die Spuren antizipiert, um nicht in Abbiegerschlangen zu geraten. Abhängig vom Wetter, vom Grad an Helligkeit und von der Musik, die gerade läuft, ist das eine Art Lebenszuversicht aus dem Geist eines nostalgischen Blues. Es sind Namen, deren Klang entweder Erinnerungen bündelt oder vergangene Träume aktiviert, und beides bindet dich an diese Stadt, verbündet dich mit ihr. Vielleicht haben ein Da Gama oder ein Bougainville, am Morgen vor der Ausfahrt von Anfechtungen gepeinigt, den Finger über die Seekarten gleiten lassen, die sie auf ihren Reisen verfertigt hatten, und sich leise murmelnd die Namen der vertrauten Inseln, Atolle und Kaps hergesagt, um sich anhand ihrer zu vergewissern, daß sie gelebt hatten, denn jeder dieser Namen ließ, so wie eine Parfumphiole, die man aufschlägt, ihren Duft verströmt, Bilder aufsteigen, die ihre Existenz beglaubigten, was immer ihnen auch noch bevorstehen sollte.
Für Kinder ist eine Stadt immer ein unüberschaubarer, undurchdringlicher Dschungel, durch den wenige Schneisen der Vertrautheit geschlagen sind, Tunnel des Verstehens, verschiedene Gänge, die von zu Hause zu bestimmten Orten und wieder zurück führen, links und rechts gerahmt von potemkinschen Fassaden, die man wiedererkennt und an denen man sich orientieren kann. Aber dahinter und an jeder Seitenstraße tut sich ein Schlund des Unbekannten auf, und bei dem Gedanken, es könne ausgesetzt werden irgendwo, wo alles sich gleicht und keine Orientierung möglich ist, überkommt das Kind ein Grauen vor dem Ungeheuren, aber auch eine erste Ahnung von Abenteuer.
Dem Erwachsenen hat sich der Plan seiner Stadt von Synapse zu Synapse erschlossen, und einige dieser Namen murmelt jetzt auch Charly, um sich auf dem Weg hinauf zu dem emotionellen Brachland seines Arbeitsortes, diesem Ultima Thule seiner alltäglichen Expeditionen, zu trösten und zu stärken. Lutterrothstraße, Methfesselstraße (der Leim- und Holzgeruch in der Tischlerei des Schwiegervaters, all die kleinen Sträßchen, das honiggelbe Licht hinter den Fenstern der Backsteinwaben, Christines Kinderheimat, konserviert in der Luft zwischen den alten Häusern, im Licht- und Schattengeflocke unter den Kastanien auf den Provinzstadtplätzchen). Lokstedt, Gazellenkamp, Nedderfeld (der NDR-Komplex, jetzt in der Oktoberdunkelheit ist außer einer massigen schwarzen Silhouette nichts zu sehen von diesem städtischen Bergmassiv und den unbekannten, geschäftigen Tälern dahinter). Niendorfer Markt, An der Lohe (Spaziergänge mit Freunden und Geliebten über die Wiesen des Geheges und das Gefühl, unabsehbare Mengen an Zeit zu besitzen und verschwenden zu können, ein Dagobert Duck der Zeit zu sein mit einem Zukunftsspeicher, in dem du genußvoll geplantscht hast). Der Anblick startender Flugzeuge, schräg im Himmel aufgehängt, ein Bild, dessen schwindelerregende Dynamik und gedrungene Kraft ein paar Jahre lang immer nur ein einziges Sehnsuchtsziel des Flugs hat möglich erscheinen lassen: New York. Ring Drei, Kronstiegtunnel (die unsichtbaren Straßenzüge hinter den Schallschutzmauern, wo du vielleicht ein Reihenhausleben führen könntest, unbehelligt von allem Ehrgeiz).
Die Magenschmerzen setzen wieder ein, wenn ich durch Garstedt, durch Norderstedt fahre und bei der U-Bahn-Station in die Straße mit dem seltsamen Namen Harckesheyde einbiege (wo das Viertel doch ganz schlicht Harksheide heißt). Dieselbe Stimmung wie damals, wenn die Eltern mir, weil wir wieder einmal umgezogen waren, die fremde neue Schule in der fremden Umgebung der fremden Stadt zeigten (warte nur, hier wirst du dich bald genauso wohlfühlen wie vorher). Dann ist der Mast mit dem schwarzgelben Blitzzeichen zu sehen.
In zehn Jahren vielleicht, wenn das alles hier lange vorüber ist, wird auch die Fahrt die Ulzburger Straße hinauf und der Name Harckesheyde mehr bedeuten als nur den Moment, in dem die Anspannung unerträglich wird.
Der Anblick all der kreuz und quer herumstehenden Autos hinter dem Verwaltungstrakt (nachfragen, wann die Dachdecker kommen und den Riß in der Elefantenhaut reparieren; ausgerechnet an der Decke des Showrooms ist die Feuchtigkeit in Form einer wagenradgroßen bräunlichen Aureole durchgekommen, die sich nicht wegpinseln läßt), dort wo eine Kopie seines Nummernschildes seinen Parkplatz markiert, all der tiefergelegten Kadetts, Irmscher-Asconas mit Rallyestreifen, verbeulten Mantas mit ausgestellten Kotflügeln, die wirken, als hocke eine Gruppe Sumoringer in Wartestellung auf dem Asphalt, mahnt ihn dazu, endlich seine Chart fertigzustellen und zu verteilen, an der er schon seit Wochen in freien Augenblicken herumkritzelt: Ordnung auf dem Gelände, keine kostenlosen Reparaturen während der Arbeitszeit an den getunten Schrottlauben all der Freunde, die die Monteure zu haben scheinen, einwandfreies Zurücklassen des Arbeitsplatzes, Entfernung aller angepinnten Schweinereien. Die Werkstatt darf nirgendwo dort, wo Kunden hinkommen können, aussehen wie ein Spind. Die Liste könnte seitenlang werden. Titten und Mösen aus der Wochenend, das Gegröle und Gespucke und die Konversationen. Roman zu Dieter, der ihm offenbar Spielschulden nicht zurückzahlen will: Du Jude! Darauf Dieter: Der, wo die deutsche Sprache nicht mächtig ist, der muß mich nicht einen Juden nennen. Oder über Recep: Wenn der nochmal nervt, stecken wir ihn inn Güterwagen, und ab nach Anatolien. Oder Roman, als du einmal eine Diagnose von Witt in Frage gestellt hast: Nee lassen Sie mal, Herr Renn, der Meister, das ist ne echte Konifere, was Automatikgetriebe angeht. Oder Witt, als du die Arbeitsmoral von Dieter kritisiert hast, mit falscher Pflichtschuldigkeit: Ich weiß ja, Herr Renn, das hab ich ihm auch verbal gesagt, und wenn ein Karsten Witt seinen Leuten das sagt, dann spuren die. Und wenn ich ihm die Chart in die Hand drücke, wird er mir sagen: Keine jüdische Hast, sowas hat Ihr Vorgänger schon zur Vergasung gemacht, und sich dann umdrehen und zu seinen Leuten sagen: Der Herr Renn gibt mal wieder Direktricen aus.
Mit Kai kann ich darüber lachen, aber hier nicht. Ihre Judenwitze, meine Judenwitze, ihre Bildzeitungslektüre, meine Bildzeitungslektüre. Quod licet Iovi, aber das ist es nicht wirklich. Was hat mich von ihnen getrennt? In der Grundschule, auf dem Bolzplatz, auf dem Hof des Mietshauses waren wir noch zusammen. Mit dem Umzug ins Einfamilienhaus, mit dem Eintritt ins Gymnasium haben sich unsere Wege auf Nimmerwiedersehn geschieden. Unsere Interessen, Sport und Musik, sind die gleichen. Ich lese wie sie die Bildzeitung, fachsimple über Fußball, spiele Skat und trinke Bier. Dennoch ist alles anders. Dumm sind sie nicht. Du hast Gespräche mitgehört (und bist dabei fast wahnsinnig geworden), in denen sie sich mit einer manischen Akribie endlos und mit stupender Detailgenauigkeit über Arbeitsvorgänge und Erfahrungen austauschten. Es ist nicht so, daß sie der Komplexität der Welt nicht gewachsen wären. Sie schließen Kauf- und Mietverträge, sie verstehen es, elektrische Leitungen zu verlegen und Schaltkreise zu knüpfen, sie buchen preiswerte Pauschalreisearrangements. Sie orientieren sich, sie wissen, was sie wollen, sie kommen zurecht. Was also ist es? Man könnte, Charlys Überlegungen und Skrupeln vorgreifend und sie zusammenfassend, den Abstand, den er konstatiert, vielleicht mit dem Begriff der Hamletisierung erklären, einem soziologischen eher als einem psychologischen Phänomen. Wollte Charly sich gewisser peinlicher Momente seiner Grundschulzeit erinnern, wüßte er, daß der Graben sich schon in den damaligen Konfrontationen zwischen den beiden Jungen auftat, die sich auf dem Schulhof oder dem Bolzplatz schweratmend und mit geballten Fäusten gegenüberstanden. Der eine höhnte und spottete und der andere, stumme oder stockend ständig die gleichen Worte „Ja, reden kannst du“ wiederholende, dessen Kopf immer roter wurde, schlug irgendwann zu. Was euch trennte, vielleicht das einzige, was euch trennte, aber tiefer als alle sonst vorstellbaren Grenzen, war die Sprache.
Man könnte die Hamletisierung definieren als eine Brille aus Worten, die dich deine Umgebung schärfer sehen läßt. Sie vergrößert den Abstand zwischen dem Ich und allem, was nicht Ich ist, sie verknüpft das Konkrete mit dem Allgemeinen. Ein anderes Wort dafür wäre wohl Ironie. Eine Brille gegen die Kurzsprachigkeit, die die Leute mißtrauisch und vorsichtig macht gegenüber der Welt, die sie zwingt, sich tastend voranzubewegen und dem vermeintlichen Gegner immer in einer Eins gegen Eins- Situation gegenüberzutreten, um ihn weggrätschen zu können. Und auch wenn Charly sich zu Recht verbitten würde, ein Intellektueller genannt zu werden, ist er doch ein Hamletisierter, weil ihm die Worte zur Verfügung stehen, selbst dem, was er nicht begreift, Ausdruck zu verleihen. Den gleichaltrigen Monteuren dagegen (für die Älteren wie Witt, Recep oder auch Sternhart ist es schwieriger zu sagen) ist ihr Sprachvermögen einerseits ein zu stumpfer Bohrmeißel, um nach Erkenntnis zu schürfen, und zum anderen ein zu inexakter, zu ärmlich ausgestatteter Apparat, um damit den Abstand zwischen sich und der Welt zu vermessen und zu behaupten, den man gemeinhin Zivilisation oder Kultur nennt. Es ist, als griffen die sprachlichen Synapsenschaltungen des Hamletisierten horizontal in die Breite aus und vernetzten ihn mit dem verfügbaren Wissen über die Dinge, wogegen die der anderen vertikal hinabreichen und sie mit den einzelnen Phänomenen selbst verbinden. Aus diesem Unterschied erklärt sich die Sehnsucht so vieler Intellektueller nach dem vermeintlich gesünderen, direkteren Zugriff „einfacher Menschen“ aufs Leben sowie das unterschwellige Mißtrauen dieser gegen jene. Es ist das Mißtrauen eines Kurzsichtigen gegen seine Umgebung. Wer der Komplexität, die dich von außen bedroht, und der Komplexität in deinem Innern, die vermittelt werden will, nicht mit einem passenden Wort Herr zu werden vermag, wer die Dinge nicht in Worte bannen, beherrschen und von sich abrücken kann, sondern gezwungen ist, sich mit vorgestanzten Formeln, mit Klischees, mit vagen Annäherungen aus dem kollektiven Wortschatz um sie herumzudrücken und doch nie erschöpfend mit ihnen fertigzuwerden, dem geht es wie einem Kurzsichtigen, der nur scharf sieht, was in seiner unmittelbaren Umgebung liegt, aber ansonsten von der Gaze des Vagen umgeben ist und der gut daran tun wird stehenzubleiben, anstatt sich zu schnell vorwärtszubewegen. Der genaue Blick auf Armeslänge geht Hand in Hand mit einer Blindheit für große Distanzen, an die – und deswegen führt für Charly auch kein Weg zu ihnen – niemand, der durch die Brille der Sprache aus seiner Kurzsichtigkeit erlöst wurde, sich noch erinnern will. Der Preis, den der Hamletisierte dafür zu zahlen hat, liegt darin, daß er denselben Weg von A nach B mit schwererem Herzen beschreiten wird als die, deren Sicht nur bis zum nächsten Kilometerstein reicht. Er nämlich überblickt die ganze Distanz, die es zu bewältigen gilt.
Währenddessen hat Charly die Achseln gezuckt und gesagt: Sophisticated und Opel, von wegen! Es ist schon ernüchternd, welche Einblicke in die Psyche der Leute du hier tust. Aber du mußt achtgeben, daß diese Chart nicht diktiert wird von deinem Wunsch, ein ästhetisch befriedigenderes Arbeitsumfeld zu schaffen, von deinem Wunsch, es ein wenig schön zu haben hier. Sachlich bleiben und keinen Erziehungskatalog erstellen! Es soll ein Regelwerk werden, weiter nichts, aber auch nicht weniger. Trotzdem wollte niemand, der diese Ironiebrille je getragen hat, sie noch einmal ablegen, selbst wenn die anderen sie mit ihren Fäusten manchmal zu Bruch schlagen. Gestehst diese Kurzsichtigkeit im Grunde auch keinem zu. Was unfair ist. Die Brille der Sprache kriegen die Kassenpatienten des Lebens nämlich nicht verschrieben. Ohne sie hängst du dir die Titten aus der Wochenend in den Spind, die sind nicht ironisch, aber wenn du ironisch bist und trotzdem Titten sehen willst, dann nimmst du den Pirellikalender, bei dessen Anblick selbst ein Intellektueller mit sich diskutieren läßt, ob es sich hier nicht um Kunst handelt. Es ist schon wahr: Der Pirellikalender ist das geschmackvollste Objekt im ganzen Komplex, das, was einer gewissen Idee von Zivilisation, Verfeinerung, Kultur, ja von Sublimation des Lebens durch Kunst am nächsten kommt. Aus irgendeinem Grund hat er seinen angestammten Platz im Kabuff. Und zwar an der Wand hinter dem Stuhl von Frau Schmidt. Eva, die Sekretärin, hat ihn ständig im Blick, weil sich die beiden Schreibtische gegenüberstehen. Ebenso sieht ihn ein jeder, der den fensterlosen Raum betritt, der nach Kaffee und kalter Asche riecht. Die sich auf glänzendem Metall, Gummi, Plastik oder Leder räkelnden oder ausgestreckten zweidimensionalen Mädchen in ihrer kalt-heroischen, riefenstahlschen Erotik zu sehen und direkt darunter die leibhaftige Frau Schmidt war anfangs eine seltsame Konfiguration: Die Buchhalterin schien mit strenger Würde die Realität zu verteidigen und hochzuhalten und im Grunde nur dazusitzen, um die Installationen der Girls ad absurdum zu führen. Das Merkwürdigste war, daß sie sich dabei erstaunlich gut schlug – in mittleren Jahren, ledig, mit ihren Sorgenfalten und ihrer schlaffen Raucherhaut, ihrer ewig glänzenden Stirn und Nase, hochgeschlossen, unvorteilhaft gekleidet, mit grauen Fädchen zu beiden Seiten des strengen Mittelscheitels, mit gelbem Zeigefinger von den Filterlosen, mit krummem Rücken und einem Bauch, den die Bluse im Sitzen zu mehreren Wülsten einschnürte, die die Knöpfe an den Knopflöchern zerren ließen wie Jagdhunde an der Leine. Sie hielt die Wirklichkeit auf eine sympathische, humorvolle, selbstironische Art hoch und rechtfertigte sie. Verglichen mit ihr wirkten die Fotomodelle überspannt, aus der Art geschlagen, angestrengt und lächerlich in ihren lasziven Posen und vor allem – ja vor allem – tot. Vielleicht so, dachte Charly manchmal schnöde, wie jedes lebendige Schwein interessanter ist als ein aufgepanntes Tigerfell.

 

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LESEPROBE 

Michael Kleeberg - Das Tier, das weint.  



Michael Kleeberg
Das Tier, das weint.
Libanesisches Reisetagebuch.

173 Seiten
ca. € 17,90 / sFr 31,90
Erscheint am 15. Feburar 2004 bei der DVA

Begegnungen mit arabischen Schriftstellern, libanesischem Essen und Beirut, einer Stadt in anderem Rhythmus.

"Das Tier, das weint" ist kein Reisetagebuch im herkömmlichen Sinn, sondern, wie der Autor gleich zu Anfang klarstellt: "es "enthält persönliche Reiseaufzeichnungen, Gedanken, Erinnerungen und Abschweifungen".

Vier Wochen war Michael Kleeberg Anfang 2003 zu Gast in Beirut im Rahmen des Schriftsteller-Austauschprojektes West-östlicher Diwan. Er hat die Beobachtungen, Erlebnisse und Eindrücke während dieser Zeit zu einem Buch geformt.

Durch den libanesischen Lyriker Abbas Beydoun, der zugleich Feuilletonchef der libanesischen Tageszeitung As-Safir ist, bekommt er Einblicke in das Leben in Beirut und im Libanon. Abbas Beydoun öffnete ihm Türen. Michael Kleeberg führte u.a. Gespräche über den Islam, das Verhältnis Orient-Okzident, über Literatur und Film. Menschliche Schicksale aus dem Bürgerkrieg wurden ihm anvertraut. Er fand eine große Gastfreundschaft vor, erlebte intellektuelle Offenheit und Brillanz, wie man sie hierzulande sucht, ebenso aber auch Zensur.

Beirut, die weiße Stadt, hat ihn mit ihrem Spiel von Licht und Schatten berauscht und verwirrt. Dies spiegelt sein Bericht wider, er treibt ein Spiel von Wirklichem und Fiktionalem. Virtuos erzählt und angereichert mit Bildern, die die Gerüche und Farben des Landes erlebbar machen. Am Ende hat man viel erfahren über das Land und seine großartigen Menschen. Vielleicht auch etwas über den Autor...

 
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LESEPROBE

MICHAEL KLEEBERG
DAS TIER DAS WEINT. LIBANESISCHES REISETAGEBUCH

Erscheint Mitte Februar 2004 bei DVA München

Auf den Flachdächern wuchert das dürre Stechginsterdickicht der terrestrischen Antennen, in alle Richtungen abstehende Spieße, Überschneidungen, Schraffuren, dazwischen ab und zu die kreisrunde (nur durch den insektenhaften Saugrüssel gestörte) Perfektion der Satellitenschüsseln. Schlaff von den Antennen baumelnd, sich von den Brüstungen stürzend, die Wände hinabrankend wie Efeu: die zugehörigen Kabel und elektrischen Leitungen, zum Teil freihängend an abenteuerlichen Steckverbindungen auf halber Höhe zwischen dem dritten und vierten Stock, gebündelt, an den Corniches entlanggeführt, in grob gebohrten Löchern im Haus verschwindend oder abzweigend, über die Straße hin gespannt, oder weiter, diagonal am Haus entlang, bis unten, wo sich unter dem Vordach des Erdgeschosses ein Rattenkönig aus leise summenden Leitungen und porösen weißen Kabeln entlangschlingt, der, auch wenn er allen Vorstellungen von vorschriftsmäßiger Versorgung Hohn spricht, tut, was er soll: die Läden mit Licht und bunten TV-Bildern versorgen.

Der Panoramablick stößt gegen das alles überragende, nagelneue, dreißigstöckige Crowne Plaza an der Hamra mit seinen gigantischen Bullaugen der obersten Etage, hinter denen abends, sobald die Nacht niedergefallen ist auf die Stadt, Illuminationen von elektrischem Blau schimmern, die meine Phantasie zu amerikanischen Science-Fiction-Träumen inspirieren. Der Schatten von Spiderman an der Fassade, King Kong auf dem Antennenmast, das durch die Dunkelheit huschende Bat-Signal. Ist es die Beleuchtung eines pharaonischen Pools? Einer heliogabalischen Diskothek? Ein Tabernakel des Gottes der Moderne?

Ich muß an Averroes denken, Ibn Ruschd, den großen in Cordoba geborenen Aristoteliker, und an jene Zwillingstürme auf der anderen Seite der Welt, die die Skyline von New York ebenso überragten wie dieser hier die vier- oder fünfstöckigen Gebäude des alten moslemischen Viertels Hamra.

Die Form zu zerstören, die doch im ewigen Stoff potentiell seit jeher existiert, der als Idee nichts anzuhaben ist und die, wie man hier sieht, überall sich rematerialisieren kann, ist selbst als symbolischer Akt philosophisch gesehen der reine Unfug.

Aber starb nicht auch Averroes schließlich als Ketzer und im Exil?


 
 
 



Rolf Zacher
17. SEPTEMBER 2009
KEINE POST und AUTOGRAMMWÜNSCHE!

 



Rolf Schneider
24. OKTOBER 2009
Marienbrücke
Potsdam - Lange Nacht der Literatur
 


Jürgen Petschull
28. OKTOBER 2009
Der letzte Tanz im Paradies. Roman
Bremervörde - BH Morgenstern
 



Peter Pragal
3. NOVEMBER 2009
Der geduldete Klassenfeind.
Zwickau, BH Walter Marx
 



Jürgen Petschull
4. NOVEMBER 2009
Der letzte Tanz im Paradies. Roman
Hamburg, BH Heymann
 



Stuart Pigott
18. NOVEMBER 2009
Wein weit weg
Frankfurt