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Es gibt, wenn du den Weg durch die Stadt hinaus nimmst und nicht
in Stellingen auf die Autobahn fährst, emotionale Wegmarken, die
die Strecke strukturieren und die dich in diese besondere
Autofahrerstimmung versetzen, während der motorische Apparat
sich ums Fahren kümmert und im gelassenen Stolz, die Stadt lesen
zu können, die Spuren antizipiert, um nicht in Abbiegerschlangen
zu geraten. Abhängig vom Wetter, vom Grad an Helligkeit und
von der Musik, die gerade läuft, ist das eine Art Lebenszuversicht
aus dem Geist eines nostalgischen Blues. Es sind Namen, deren
Klang entweder Erinnerungen bündelt oder vergangene Träume
aktiviert, und beides bindet dich an diese Stadt, verbündet dich mit
ihr. Vielleicht haben ein Da Gama oder ein Bougainville, am
Morgen vor der Ausfahrt von Anfechtungen gepeinigt, den Finger
über die Seekarten gleiten lassen, die sie auf ihren Reisen verfertigt
hatten, und sich leise murmelnd die Namen der vertrauten Inseln,
Atolle und Kaps hergesagt, um sich anhand ihrer zu vergewissern,
daß sie gelebt hatten, denn jeder dieser Namen ließ, so wie eine
Parfumphiole, die man aufschlägt, ihren Duft verströmt, Bilder
aufsteigen, die ihre Existenz beglaubigten, was immer ihnen auch
noch bevorstehen sollte.
Für Kinder ist eine Stadt immer ein unüberschaubarer,
undurchdringlicher Dschungel, durch den wenige Schneisen der
Vertrautheit geschlagen sind, Tunnel des Verstehens, verschiedene
Gänge, die von zu Hause zu bestimmten Orten und wieder zurück
führen, links und rechts gerahmt von potemkinschen Fassaden, die
man wiedererkennt und an denen man sich orientieren kann. Aber
dahinter und an jeder Seitenstraße tut sich ein Schlund des
Unbekannten auf, und bei dem Gedanken, es könne ausgesetzt
werden irgendwo, wo alles sich gleicht und keine Orientierung
möglich ist, überkommt das Kind ein Grauen vor dem
Ungeheuren, aber auch eine erste Ahnung von Abenteuer.
Dem Erwachsenen hat sich der Plan seiner Stadt von Synapse zu
Synapse erschlossen, und einige dieser Namen murmelt jetzt auch
Charly, um sich auf dem Weg hinauf zu dem emotionellen
Brachland seines Arbeitsortes, diesem Ultima Thule seiner
alltäglichen Expeditionen, zu trösten und zu stärken.
Lutterrothstraße, Methfesselstraße (der Leim- und Holzgeruch in
der Tischlerei des Schwiegervaters, all die kleinen Sträßchen, das
honiggelbe Licht hinter den Fenstern der Backsteinwaben,
Christines Kinderheimat, konserviert in der Luft zwischen den
alten Häusern, im Licht- und Schattengeflocke unter den Kastanien
auf den Provinzstadtplätzchen). Lokstedt, Gazellenkamp,
Nedderfeld (der NDR-Komplex, jetzt in der Oktoberdunkelheit ist
außer einer massigen schwarzen Silhouette nichts zu sehen von
diesem städtischen Bergmassiv und den unbekannten, geschäftigen
Tälern dahinter). Niendorfer Markt, An der Lohe (Spaziergänge
mit Freunden und Geliebten über die Wiesen des Geheges und das
Gefühl, unabsehbare Mengen an Zeit zu besitzen und
verschwenden zu können, ein Dagobert Duck der Zeit zu sein mit
einem Zukunftsspeicher, in dem du genußvoll geplantscht hast).
Der Anblick startender Flugzeuge, schräg im Himmel aufgehängt,
ein Bild, dessen schwindelerregende Dynamik und gedrungene
Kraft ein paar Jahre lang immer nur ein einziges Sehnsuchtsziel
des Flugs hat möglich erscheinen lassen: New York. Ring Drei,
Kronstiegtunnel (die unsichtbaren Straßenzüge hinter den
Schallschutzmauern, wo du vielleicht ein Reihenhausleben führen
könntest, unbehelligt von allem Ehrgeiz).
Die Magenschmerzen setzen wieder ein, wenn ich durch Garstedt,
durch Norderstedt fahre und bei der U-Bahn-Station in die Straße
mit dem seltsamen Namen Harckesheyde einbiege (wo das Viertel
doch ganz schlicht Harksheide heißt). Dieselbe Stimmung wie
damals, wenn die Eltern mir, weil wir wieder einmal umgezogen
waren, die fremde neue Schule in der fremden Umgebung der
fremden Stadt zeigten (warte nur, hier wirst du dich bald genauso
wohlfühlen wie vorher). Dann ist der Mast mit dem schwarzgelben
Blitzzeichen zu sehen.
In zehn Jahren vielleicht, wenn das alles hier lange vorüber ist,
wird auch die Fahrt die Ulzburger Straße hinauf und der Name
Harckesheyde mehr bedeuten als nur den Moment, in dem die
Anspannung unerträglich wird.
Der Anblick all der kreuz und quer herumstehenden Autos hinter
dem Verwaltungstrakt (nachfragen, wann die Dachdecker kommen
und den Riß in der Elefantenhaut reparieren; ausgerechnet an der
Decke des Showrooms ist die Feuchtigkeit in Form einer
wagenradgroßen bräunlichen Aureole durchgekommen, die sich
nicht wegpinseln läßt), dort wo eine Kopie seines
Nummernschildes seinen Parkplatz markiert, all der tiefergelegten
Kadetts, Irmscher-Asconas mit Rallyestreifen, verbeulten Mantas
mit ausgestellten Kotflügeln, die wirken, als hocke eine Gruppe
Sumoringer in Wartestellung auf dem Asphalt, mahnt ihn dazu,
endlich seine Chart fertigzustellen und zu verteilen, an der er schon
seit Wochen in freien Augenblicken herumkritzelt: Ordnung auf
dem Gelände, keine kostenlosen Reparaturen während der
Arbeitszeit an den getunten Schrottlauben all der Freunde, die die
Monteure zu haben scheinen, einwandfreies Zurücklassen des
Arbeitsplatzes, Entfernung aller angepinnten Schweinereien. Die
Werkstatt darf nirgendwo dort, wo Kunden hinkommen können,
aussehen wie ein Spind. Die Liste könnte seitenlang werden.
Titten und Mösen aus der Wochenend, das Gegröle und Gespucke
und die Konversationen. Roman zu Dieter, der ihm offenbar
Spielschulden nicht zurückzahlen will: Du Jude! Darauf Dieter:
Der, wo die deutsche Sprache nicht mächtig ist, der muß mich
nicht einen Juden nennen. Oder über Recep: Wenn der nochmal
nervt, stecken wir ihn inn Güterwagen, und ab nach Anatolien.
Oder Roman, als du einmal eine Diagnose von Witt in Frage
gestellt hast: Nee lassen Sie mal, Herr Renn, der Meister, das ist ne
echte Konifere, was Automatikgetriebe angeht. Oder Witt, als du
die Arbeitsmoral von Dieter kritisiert hast, mit falscher
Pflichtschuldigkeit: Ich weiß ja, Herr Renn, das hab ich ihm auch
verbal gesagt, und wenn ein Karsten Witt seinen Leuten das sagt,
dann spuren die. Und wenn ich ihm die Chart in die Hand drücke,
wird er mir sagen: Keine jüdische Hast, sowas hat Ihr Vorgänger
schon zur Vergasung gemacht, und sich dann umdrehen und zu
seinen Leuten sagen: Der Herr Renn gibt mal wieder Direktricen
aus.
Mit Kai kann ich darüber lachen, aber hier nicht. Ihre Judenwitze,
meine Judenwitze, ihre Bildzeitungslektüre, meine
Bildzeitungslektüre. Quod licet Iovi, aber das ist es nicht wirklich.
Was hat mich von ihnen getrennt? In der Grundschule, auf dem
Bolzplatz, auf dem Hof des Mietshauses waren wir noch
zusammen. Mit dem Umzug ins Einfamilienhaus, mit dem Eintritt
ins Gymnasium haben sich unsere Wege auf Nimmerwiedersehn
geschieden. Unsere Interessen, Sport und Musik, sind die gleichen.
Ich lese wie sie die Bildzeitung, fachsimple über Fußball, spiele
Skat und trinke Bier. Dennoch ist alles anders. Dumm sind sie
nicht. Du hast Gespräche mitgehört (und bist dabei fast wahnsinnig
geworden), in denen sie sich mit einer manischen Akribie endlos
und mit stupender Detailgenauigkeit über Arbeitsvorgänge und
Erfahrungen austauschten. Es ist nicht so, daß sie der Komplexität
der Welt nicht gewachsen wären. Sie schließen Kauf- und
Mietverträge, sie verstehen es, elektrische Leitungen zu verlegen
und Schaltkreise zu knüpfen, sie buchen preiswerte
Pauschalreisearrangements. Sie orientieren sich, sie wissen, was
sie wollen, sie kommen zurecht. Was also ist es?
Man könnte, Charlys Überlegungen und Skrupeln vorgreifend und
sie zusammenfassend, den Abstand, den er konstatiert, vielleicht
mit dem Begriff der Hamletisierung erklären, einem
soziologischen eher als einem psychologischen Phänomen. Wollte
Charly sich gewisser peinlicher Momente seiner Grundschulzeit
erinnern, wüßte er, daß der Graben sich schon in den damaligen
Konfrontationen zwischen den beiden Jungen auftat, die sich auf
dem Schulhof oder dem Bolzplatz schweratmend und mit geballten
Fäusten gegenüberstanden. Der eine höhnte und spottete und der
andere, stumme oder stockend ständig die gleichen Worte „Ja,
reden kannst du“ wiederholende, dessen Kopf immer roter wurde,
schlug irgendwann zu. Was euch trennte, vielleicht das einzige,
was euch trennte, aber tiefer als alle sonst vorstellbaren Grenzen,
war die Sprache.
Man könnte die Hamletisierung definieren als eine Brille aus
Worten, die dich deine Umgebung schärfer sehen läßt. Sie
vergrößert den Abstand zwischen dem Ich und allem, was nicht Ich
ist, sie verknüpft das Konkrete mit dem Allgemeinen. Ein anderes
Wort dafür wäre wohl Ironie. Eine Brille gegen die
Kurzsprachigkeit, die die Leute mißtrauisch und vorsichtig macht
gegenüber der Welt, die sie zwingt, sich tastend voranzubewegen
und dem vermeintlichen Gegner immer in einer Eins gegen Eins-
Situation gegenüberzutreten, um ihn weggrätschen zu können.
Und auch wenn Charly sich zu Recht verbitten würde, ein
Intellektueller genannt zu werden, ist er doch ein Hamletisierter,
weil ihm die Worte zur Verfügung stehen, selbst dem, was er nicht
begreift, Ausdruck zu verleihen. Den gleichaltrigen Monteuren
dagegen (für die Älteren wie Witt, Recep oder auch Sternhart ist es
schwieriger zu sagen) ist ihr Sprachvermögen einerseits ein zu
stumpfer Bohrmeißel, um nach Erkenntnis zu schürfen, und zum
anderen ein zu inexakter, zu ärmlich ausgestatteter Apparat, um
damit den Abstand zwischen sich und der Welt zu vermessen und
zu behaupten, den man gemeinhin Zivilisation oder Kultur nennt.
Es ist, als griffen die sprachlichen Synapsenschaltungen des
Hamletisierten horizontal in die Breite aus und vernetzten ihn mit
dem verfügbaren Wissen über die Dinge, wogegen die der anderen
vertikal hinabreichen und sie mit den einzelnen Phänomenen selbst
verbinden. Aus diesem Unterschied erklärt sich die Sehnsucht so
vieler Intellektueller nach dem vermeintlich gesünderen, direkteren
Zugriff „einfacher Menschen“ aufs Leben sowie das
unterschwellige Mißtrauen dieser gegen jene. Es ist das Mißtrauen
eines Kurzsichtigen gegen seine Umgebung. Wer der Komplexität,
die dich von außen bedroht, und der Komplexität in deinem Innern,
die vermittelt werden will, nicht mit einem passenden Wort Herr
zu werden vermag, wer die Dinge nicht in Worte bannen,
beherrschen und von sich abrücken kann, sondern gezwungen ist,
sich mit vorgestanzten Formeln, mit Klischees, mit vagen
Annäherungen aus dem kollektiven Wortschatz um sie
herumzudrücken und doch nie erschöpfend mit ihnen
fertigzuwerden, dem geht es wie einem Kurzsichtigen, der nur
scharf sieht, was in seiner unmittelbaren Umgebung liegt, aber
ansonsten von der Gaze des Vagen umgeben ist und der gut daran
tun wird stehenzubleiben, anstatt sich zu schnell
vorwärtszubewegen. Der genaue Blick auf Armeslänge geht Hand
in Hand mit einer Blindheit für große Distanzen, an die – und
deswegen führt für Charly auch kein Weg zu ihnen – niemand, der
durch die Brille der Sprache aus seiner Kurzsichtigkeit erlöst
wurde, sich noch erinnern will. Der Preis, den der Hamletisierte
dafür zu zahlen hat, liegt darin, daß er denselben Weg von A nach
B mit schwererem Herzen beschreiten wird als die, deren Sicht nur
bis zum nächsten Kilometerstein reicht. Er nämlich überblickt die
ganze Distanz, die es zu bewältigen gilt.
Währenddessen hat Charly die Achseln gezuckt und gesagt:
Sophisticated und Opel, von wegen! Es ist schon ernüchternd,
welche Einblicke in die Psyche der Leute du hier tust. Aber du
mußt achtgeben, daß diese Chart nicht diktiert wird von deinem
Wunsch, ein ästhetisch befriedigenderes Arbeitsumfeld zu
schaffen, von deinem Wunsch, es ein wenig schön zu haben hier.
Sachlich bleiben und keinen Erziehungskatalog erstellen! Es soll
ein Regelwerk werden, weiter nichts, aber auch nicht weniger.
Trotzdem wollte niemand, der diese Ironiebrille je getragen hat, sie
noch einmal ablegen, selbst wenn die anderen sie mit ihren Fäusten
manchmal zu Bruch schlagen. Gestehst diese Kurzsichtigkeit im
Grunde auch keinem zu. Was unfair ist. Die Brille der Sprache
kriegen die Kassenpatienten des Lebens nämlich nicht
verschrieben. Ohne sie hängst du dir die Titten aus der Wochenend
in den Spind, die sind nicht ironisch, aber wenn du ironisch bist
und trotzdem Titten sehen willst, dann nimmst du den
Pirellikalender, bei dessen Anblick selbst ein Intellektueller mit
sich diskutieren läßt, ob es sich hier nicht um Kunst handelt.
Es ist schon wahr: Der Pirellikalender ist das geschmackvollste
Objekt im ganzen Komplex, das, was einer gewissen Idee von
Zivilisation, Verfeinerung, Kultur, ja von Sublimation des Lebens
durch Kunst am nächsten kommt. Aus irgendeinem Grund hat er
seinen angestammten Platz im Kabuff. Und zwar an der Wand
hinter dem Stuhl von Frau Schmidt. Eva, die Sekretärin, hat ihn
ständig im Blick, weil sich die beiden Schreibtische
gegenüberstehen. Ebenso sieht ihn ein jeder, der den fensterlosen
Raum betritt, der nach Kaffee und kalter Asche riecht.
Die sich auf glänzendem Metall, Gummi, Plastik oder Leder
räkelnden oder ausgestreckten zweidimensionalen Mädchen in
ihrer kalt-heroischen, riefenstahlschen Erotik zu sehen und direkt
darunter die leibhaftige Frau Schmidt war anfangs eine seltsame
Konfiguration: Die Buchhalterin schien mit strenger Würde die
Realität zu verteidigen und hochzuhalten und im Grunde nur
dazusitzen, um die Installationen der Girls ad absurdum zu führen.
Das Merkwürdigste war, daß sie sich dabei erstaunlich gut schlug
– in mittleren Jahren, ledig, mit ihren Sorgenfalten und ihrer
schlaffen Raucherhaut, ihrer ewig glänzenden Stirn und Nase,
hochgeschlossen, unvorteilhaft gekleidet, mit grauen Fädchen zu
beiden Seiten des strengen Mittelscheitels, mit gelbem Zeigefinger
von den Filterlosen, mit krummem Rücken und einem Bauch, den
die Bluse im Sitzen zu mehreren Wülsten einschnürte, die die
Knöpfe an den Knopflöchern zerren ließen wie Jagdhunde an der
Leine. Sie hielt die Wirklichkeit auf eine sympathische,
humorvolle, selbstironische Art hoch und rechtfertigte sie.
Verglichen mit ihr wirkten die Fotomodelle überspannt, aus der
Art geschlagen, angestrengt und lächerlich in ihren lasziven Posen
und vor allem – ja vor allem – tot. Vielleicht so, dachte Charly
manchmal schnöde, wie jedes lebendige Schwein interessanter ist
als ein aufgepanntes Tigerfell.
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